„Alle Haflinger heißen Anton“

Haflinger beim Extreme Trail... sagte Roger bei unserem ersten Termin. Stimmt nicht, dachte ich, mein erster Haflinger hieß nämlich Felix. 30 Jahre liegen zwischen diesen Pferden. Je länger ich mich mit Anton beschäftige, desto mehr Ähnlichkeiten fallen mir auf. Beides charmante und intelligente Pferde, mit einer ganz eigenen Vorstellung vom Pferdeleben. Das sie dazu, zumindest in unserer heutigen Welt, den Zweibeiner brauchen, ignorieren sie nur zu gern und halten sich lieber für den Mittelpunkt der Welt.

Da sie meistens auch noch hübsch anzusehen sind und über Ausstrahlung verfügen, fallen gleich zwei Komponenten zusammen, nämlich Schönheit und Egozentrik.

Die Anzeige in unserer Zeitung, im Mai 2013, lautete:“ Haflinger zu verkaufen, 6 Jahre, roh“.

Der Reiz, auf diese Anzeige zu reagieren und sich nochmals auf einen Haflinger einzulassen, war groß. Bedenken, große Probleme mit einem ausgereiften Charakter bekommen zu können, kamen gar nicht erst auf – er war ja nicht unerzogen, sondern gar nicht erzogen. Also bei Null anfangen, in jeder Beziehung.

Er konnte keine Hufe geben, nicht stillstehen, ließ sich nicht anbinden und nicht führen.

Als Reittherapeutin habe ich Pferde für die Therapie ausgebildet, zwei Fohlen großgezogen und halte seit 30 Jahren Pferde am Wohnhaus (oder in unmittelbarer Nähe davon).

Mit diesem Pferd war aber alles anders. Meine Versuche, ihn am Halfter zu führen endete  meist im Dreck und beim Heben der Hufe keilte er gern mal aus.

Er mischte unsere kleine Haltergemeinschaft, zu der zwei ältere Wallache, ein Hund und drei Katzen gehören, heftig auf und attackierte und provozierte, wo immer sich eine Gelegenheit bot. Heftige Tritt- und Bissverletzungen unter den Pferden passierten täglich. Seinen Übermut einzugrenzen und seinem Unmut zu entgehen, wenn er sich in seiner Freiheit eingegrenzt fühlte, erforderte von uns höchste Aufmerksamkeit und Schnelligkeit. Unserer körperlichen Fitness war es zu verdanken, dass gezieltes Auskeilen und Umrempeln nur mit blauen Flecken endete.

Ich wurde täglich ratloser, mein Mut verließ mich und die Freude über diesen „Neuzugang “wich einer, bis dahin nie gekannter Ängstlichkeit. Telefonate mit dem Züchter und das Angebot, Anton jederzeit zurück geben zu können, beruhigten zwar, halfen aber nicht wirklich weiter.

Ich fand in unserer ortsansässigen Sattlerin, einer erfahrenden Pferdefrau, erste Hilfe – leider hatte sie nur kurz Zeit für uns. Als nächste Möglichkeit kam für mich Roger in Frage. Ich rief ihn an und wir organisierten die erste Arbeitsstunde bei uns.

Schon zu Beginn der Übungsstunde wurde Rogers Eindruck auf Anton deutlich : einen Mann mit Hut, der klare Anweisungen gab und noch dazu verlangte, das diese ausgeführt wurden, passte überhaupt nicht in Antons Lebenskonzept und machte ja auch keinen Spaß. Hinzu kamen noch die Bremsenplage und die Hitze am frühen Nachmittag. Nach einigen Runden und Handwechsel im Zirkel begann Anton Roger als ernstzunehmendes Lebewesen wahr zu nehmen. Er begann auf Rogers Körpersprache zu reagieren, vergaß Bremsen und Hitze und es entstand, zumindest kurzfristig, eine deutliche Mitarbeit von Seiten des Pferdes. Diese kurzen Sequenzen ließen bei mir,  als außen stehende Beobachterin Hoffnung aufkommen, dass Anton doch eine Chance auf Ausbildung bekommen könnte. Beim Zusehen musste ich oft schlucken. Ich konnte endlich ausatmen und meine Anspannung absenken. Ich war plötzlich unendlich müde und erschöpft. Die erste Arbeitsstunde endete friedlich in der Box, dort wo sie auch begonnen hatte. Die anschließende Besprechung dieser Stunde enthielt auf der einen Seite die schnelle Lernfähigkeit des Pferdes und seine zwischenzeitlich gute Mitarbeit. Auf der anderen Seite standen seine schon vergangenen 6 Lebensjahre, in denen er ohne Führung lebte. Die Frage, ob Anton es schaffen könnte, seine Chance auf Ausbildung wahrzunehmen, stand im Raum. Roger war bereit, nochmals zu kommen und gab mir Aufgaben für die Zwischenzeit.

Die Wochen zwischen der ersten und der zweiten Stunde verliefen deutlich ruhiger und entspannter. Anton war im täglichen Umgang aufmerksamer und reagierte schneller und nachhaltiger auf Körpersprache.

Die Leistungssteigerung in der zweiten Stunde öffnete Anton die Tür zur Ausbildung auf Roger´s Area in Boklund. Inzwischen ist er seit zwei Monaten dort. Er lernt Sozialverhalten in der Herde, es wird regelmäßig mit ihm gearbeitet und wir konnten schon an zwei Bodenarbeitskursen teilnehmen.

Ich kann ihn auf weitläufigen Gelände allein führen, sowohl von der Herde weg, als auch wieder zurück. Ich kann allein mit ihm auf dem Reitplatz arbeiten, er nimmt mich wahr und meistens auch ernst. - Wenn er mich nicht  versteht, zeigt er das Missverständnis deutlich.

Es liegt nun an mir und meinen Fortschritten, wie viel Zeit wir noch in Boklund brauchen. Beide haben wir in den letzten 6 Monaten unglaublich viel gelernt. Die erste Hälfte dieser Zeit war enorm schwierig, anstrengend und von großer Ratlosigkeit geprägt. In den letzen 3 Monaten ging es dafür nur noch bergauf. Dank der Hinweise unserer Sattlerin und der täglichen Unterstützung meiner Freundin Bärbel war uns dieser Weg möglich. Ich danke dem Züchter für sein Angebot, Anton wieder zurückgeben zu können und ich danke Roger und Nicola für ihre berufliche und persönliche Einsatzbereitschaft.

Sabine Schade